Die Geschichte der Schluppenbluse … nebst einer Leseempehlung für „Stitches in Time“ von Lucy Adlington

Erinnert ihr euch noch an meine Mutmassungen zur Entstehung der Schluppenbluse aka Pussy Bow? Und dass ich euch versprochen habe Informationen nachzuliefern, wenn mir Näheres zur Geschichte der Schluppe unterkommt? Zufällig bin ich vor ein paar Tagen über ein paar Fakten gestolpert, die ich euch nicht vorenthalten möchte…

Als ich meine Schluppenbluse genäht habe – die übrigens ganz entgegen meiner damaligen Absichten und trotz ihrer Beliebtheit in meinem Kleiderschrank noch keinen Nachfolger hat – habe ich ja überlegt, ob die Schluppe, das weibliche Pendant zum Schlips ist und damit ein Versuch sich den Nimbus der Professionalität, den ebenjenes den Männern vorbehaltene Kleidungsstück hat, anzueignen. 

Wie ich jetzt in der übrigens sehr kurzweilig Modegeschichte „Stitches in Time“ von Lucy Adlington nachlesen konnte, lag ich nicht ganz falsch mit dieser Annahme … (Stitches in Time, S.246 – 249)  

Der Schlips in seiner uns bekannten Form entwickelte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts aus allen möglichen anderen Formen von Tüchern und Kragen und war ein rein von Männern getragenes Kleidungsstück. Als dann im Zuge der Frauenbewegung sich Frauen das Recht nahmen dieses Kleidungsstück neben HOSEN (oh, mein Gott ;)) und taillierten Kostümen zu tragen, war die Aufregung natürlich groß. Ikonisch wurde der Look so Adlington mit dem Typus des Gibson Girls: weiße Bluse mit Kragen, dunkler Rock und dunkler Schlips. 

Für uns scheinen die Outfits der Gibson Girls ja recht romantisch, zumal sie mir vor allem durch die wunderbaren vogelnestartigen Frisuren in Erinnerung geblieben sind, in ihrer Zeit war ihr Style aber der Versuch durch eine vergleichbar strengere Linie in den weiblichen Bestrebungen nach Bildung, sozialen und politischen Rechten ernst genommen zu werden und definitiv ein Ausdruck von Modernität und einer der Frauenbewegung im Prinzip positiv gegenüber eingestellten Grundhaltung.

Legendär sind die Gibson Girls in den Zeichnungen von Charles Dana. Dort sieht man aber auch sehr schön, dass sich das Bekenntnis zu den Frauenrechten auch sehr schnell zum Modeaccessoire verwischte und mal als  schwarzes Band, als Fliege oder Schluppe auftaucht. In meinem pinterest board habe ich für euch diverse Bilder und Photografien der Zeit zusammen gesammelt …


Welche Abstufung man auch immer wählte, eins zeigte man mit diesem Stil aber doch: Frau war modern auch in ihren politischen Ansichten. Tücher und Bänder machten den Stil im Gegensatz zum Schlips vermutlich nicht ganz so steif und maskulin und rückten einen ganz bewusst auch ein ganzes Stück ab von den Hardlinern der Frauenbewegung, den Suffragetten, die für ihre Überzeugungen demonstrierend auf die Straße ginge.

Schluppen und Schleifen setzten sich dann vor allem in den 30er und 40er Jahren fort, auch wenn einem vereinzelt schlipstragende Damen wie Marlene Dietrich über den Weg liefen. In den 70ern griff Margaret Thatcher diesen Stil sehr wohlüberlegt auf: sie kombinierte relativ einfache, gut sitzende Schnitte mit dem Pussy Bow und schaffte damit eine gut kalkulierte Gradwanderung zwischen professioneller Strenge, aber nicht zu männlichem Auftreten. In der Businesskeidung wurde dieser Trick ja gerne kompiert. Nichtsdestotrotz schafft es die Pussy Bow aber nicht, den gleichen Grad an Gravität zu gewinnen wie der männliche Schlips. Dazu hat die Schluppe zu sehr das Image von niedlich, hübsch und dekorativ.

Leseempfehlung: Auf jeden Fall ist Lucy Adlingtons Buch ein sehr kurzweiliges Stück Modegeschichte und auch als Urlaubslektüre oder für zwischendurch sehr zu empfehlen. Ich lege es immer mal wieder zur Seite und greife es wieder auf und fühle mich immer gut unterhalten. In dem Buch geht es um die Geschichte unserer (europäischen) Kleidung und zwar ziemlich umfassend vom Schlüpfer bis zum Schlips. Das das bei einigen Tausend Jahren Entwicklung manchmal ein bisschen kursorisch ist, ist klar, aber nie langweilig und ein toller Einstieg in die Modegeschichte. Das einzige Manko: Leider scheint es keine deutsche Übersetzung zu geben und manchmal ist mir das Buch dann doch etwas sparsam bebildert. Aber auch das ist irgendwie klar, handelt es sich ja um ein Taschenbuch und Bilder sind teuer im Druck. Dafür gibt es ja dann ganz hervorragende coffeetable Bücher in denen man Illustrationen nachblättern kann oder die pinterest Bildersuche. 😉 Wenn man sich ein bisschen mit Vintage Mode auskennt, hat man aber zu vielem sowieso ein Bild im Kopf.

Falls ihr weitere gute Mode-Sach- und / oder Bilderbücher empfehlen könnt, habe ich ein offenes Ohr für euch und würde mich über eure Kommentare sehr freuen! 🙂

Viele Grüße, Eure Zuzsa

 

 

3 thoughts on “Die Geschichte der Schluppenbluse … nebst einer Leseempehlung für „Stitches in Time“ von Lucy Adlington

  1. Ein wunderbarer Post! Bitte mehr davon. Die Leseempfehlung ist gleich auf meine Wunschliste gewandert. Für Vintage-Liebhaberinnen kann ich spontan das Buch „Alles über Vintage Mode“ von Nicky Albrechtsen empfehlen, ein klassisches Coffee Table Book. Als Urlaubslektüre sicher zu schwer, eher als Bettlektüre geeignet. LG, Manuela

  2. Oh, Danke dir! 😀 Nicky Albrechtsen habe ich tatsächlich schon einige Zeit auf meiner Wunschliste, gut zu hören, dass es sich lohnt!

  3. Urlaubslektüre klingt gut, notiert.
    Zumal ich (!) im Moment Röcke bevorzuge und – wie sollte es anders sein – nichts dazu zum Anziehen habe *LOL*
    Liebe Grüße!
    Sandra

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